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Zur Situation in psychiatrischen Kliniken

Stellung und Tätigkeitsfelder der angestellten Diplom-Psychologen und Psychotherapeuten
- Bericht über eine Umfrage -

Der in diesen Seiten dargestellte Stand der Diskussion, die Formulierung der Forderungen für angestellte Psychotherapeuten und für stationäre Psychotherapie und die weiteren Ausführungen zum Thema "Besondere rechtliche Grundlagen für den Bereich der angestellten Psychotherapeuten" machen sehr deutlich:

in den Psychiatrischen Kliniken ist das Psychotherapeutengesetz noch nicht umgesetzt.

In der Personalverordnung Psychiatrie (PsychPV) ist zwar ausdrücklich Psychotherapie als Behandlung vorgesehen und gehört u.a. zu den Regelaufgaben von Diplom-Psychologen. Eine genauere Betrachtung ergibt jedoch:

Wenn Psychotherapeuten "Psychotherapie im Sinne des PsychThG" (siehe § 1 Abs. 3 PsychThG) ausüben, dann tun sie dies in eigenverantwortlicher und selbständiger Tätigkeit. Dies ist in psychiatrischen Kliniken (noch) nicht der Fall. Dort arbeiten sie vielmehr im Rahmen der ärztlich geleiteten Behandlungsplanung und auf ärztliche Anordnung in ähnlicher Weise wie Ergotherapeuten oder Masseure. Dies mag in der Praxis häufig anders aussehen und im Stationsalltag durch das Miteinander und eine gute Kooperation der Berufsgruppen etwas verwischt werden. Insbesondere die jungen und noch unerfahrenen ärztlichen Kollegen auf einer Station tun gut daran, sich bei der Behandlung eines Patienten auf den Rat und die Hinweise älterer und erfahrener Kollegen der anderen Berufsgruppen zu stützen. Dies ändert aber nichts an der formalen Zuständigkeit und Verantwortung der ärztlichen Kollegen für die Behandlungsplanung und -durchführung. Auf diese Zuständigkeit und Verantwortung wird im kritischen Fall immer wieder zurückgegriffen.

Es interessierten uns folgende Fragen:

Eine Antwort fanden wir durch eine kleine Umfrage, die wir exemplarisch an die Träger psychiatrischer Einrichtungen in Bayern und NRW sowie an das MFJFG in NRW gerichtet haben.

Wir stellten die folgenden Fragen:

  1. Gibt es für die bei Ihnen tätigen Diplom-Psychologen eine Art Stellenbeschreibung, aus der Tätigkeitsmerkmale, Verantwortungs- und Zuständigkeitsbereiche und dienstrechtliche Strukturen und Weisungsbefugnisse auch im Verhältnis zu anderen Berufsgruppen hervorgehen und können Sie uns diese Stellenbeschreibung bzw. entsprechende Informationen zukommen lassen?
  2. Haben Sie bereits eine entsprechende Stellenbeschreibung für Psychotherapeuten entwickelt oder wie stehen Sie zu dieser Fragestellung?
  3. Gibt es in Ihren Kliniken bereits Psychotherapeuten, die Sie als solche mit entsprechendem Anstellungsvertrag eingestellt haben oder planen sie dies?
  4. Hat es in Ihren Kliniken bei Neu-Einstellungen von Diplom-PsychologInnen eine Bedeutung, ob die Bewerber als Psychotherapeuten approbiert sind oder nicht?

Es antworteten uns das MFJFG-NRW sowie insgesamt über 20 Klinikträger. Das Ergebnis erhellt die gegenwärtige Situation und lässt sich zugleich als ermutigend und .. naja, man könnte sagen: "wie zu erwarten" beschreiben.

Im Krankenhausgesetz NRW heißt es in § 36 "ärztlicher und psychotherapeutischer Dienst" im Abs. 3:

Für Abteilungen, die Patientinnen und Patienten behandeln, bei denen Psychotherapie angezeigt ist, können neben der Abteilungsärztin oder dem Abteilungsarzt Psychologische Psychotherapeutinnen oder -therapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen oder -therapeuten bestellt werden, die bei der Untersuchung und Behandlung dieser Patientinnen und Patienten eigenverantwortlich und selbständig tätig sind.

In ähnlicher Weise heißt es im Maßregelvollzugsgesetz NRW vom 15.6.1999 in § 6 "Aufnahme" in Abs. 2:

Die Patientinnen und Patienten sind unverzüglich zu untersuchen. Sie sind spätestens am nächsten Werktag der ärztlichen oder psychotherapeutischen Leitung der Einrichtung, bei selbständigen Abteilungen der fachlich unabhängigen ärztlichen oder psychotherapeutischen Leitung der Abteilung (therapeutische Leitung) vorzustellen.

Auf diese beiden Regelungen verweist die Antwort des MFJFG-NRW. Es wird ausdrücklich dargelegt, was mit der Formulierung "neben der Abteilungsärztin oder dem Abteilungsarzt" in § 36 gemeint ist: "eine gemeinsame kollegiale Leitung mit einer Verteilung der Aufgaben und / oder einer gemeinsamen Verantwortlichkeit". Weiter heißt es:

Ihren eigenen Aufgabenbereich können Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im Rahmen der gesetzlichen Gegebenheiten selbständig führen. Da ihnen z.B. für Medikationen die Verordnungsbefugnis fehlt oder Überweisungen eingeschränkt sind, können sie eine Abteilung nicht alleine leiten. Somit geht es darum, Vereinbarungen mit der Krankenhausleitung und den im Übrigen zuständigen Ärztinnen und Ärzten über die Aufgabenverteilung zu schließen. Die Krankenhäuser haben Organisationshoheit und entscheiden eigenständig, ob sie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten einstellen oder nicht, ob sie ihnen Leitungsfunktionen z.B. als Stations-Psychotherapeut oder -Psychotherapeutin zuweisen und die in der PsychPV dafür vorgesehenen Stellen als Stationsarzt mit Psychotherapeuten besetzen.

Diese Position wird weiter bestärkt durch die Äußerungen von Abgeordneten des Landtages NRW. Auf einer öffentlichen Podiumsdiskussion im September 2002 wurde einhellig von ihnen erklärt: Bei den oben zitierten Änderungen im Maßregelvollzugsgesetz und im Krankenhausgesetz NRW ist Absicht des Gesetzgebers, im Bereich der Psychotherapie auch in den Krankenhäusern Psychotherapeuten und Ärzte gleich zu stellen.

Diese Darlegung ist die eine Seite und die ist sicher ermutigend, indem sie Möglichkeiten eröffnet und auf klare Zuständigkeiten der Krankenhausträger verweist.

Die andere Seite ist, was die Krankenhausträger dazu sagen.

In Bayern haben wir die 7 Regierungsbezirke des Landes angeschrieben sowie das Staatsministerium für Wissenschaft als Träger der Universitätskliniken. Unsere Anfrage wurde an die einzelnen Krankenhäuser weitergegeben und von denen beantwortet. Wir haben uns gefreut, insgesamt 18 Antworten erhalten zu haben.

In NRW haben geantwortet der Landschaftsverband Rheinland (LVR) und der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) als Träger von zusammen 23 psychiatrischen Kliniken.

Die Antworten lassen sich kurz zusammenfassen: Man tut sich schwer.

Stellenbeschreibungen für Diplom-Psychologen (siehe oben) bilden in den Kliniken eher die Ausnahme. An eine Stellenbeschreibung für Psychotherapeuten hat bisher noch keiner gedacht. Die fachliche Qualifikation der Psychotherapeuten wird in den Kliniken sehr geschätzt. Sie ist wesentliches Auswahlkriterium bei Neueinstellungen, ebenso wie zusätzliche Qualifikationen, die im Zusammenhang der jeweiligen Stelle von Bedeutung sind, wie z.B. Erfahrung mit Suchtpatienten, usw. Bei Stellenausschreibungen wird teilweise ausdrücklich die Approbation vorausgesetzt oder es werden Psychologen eingestellt, die an einer Ausbildung zum Psychotherapeuten interessiert sind und diese absolvieren. Manche Klinik rühmt sich damit, auf die Ausbildung ihrer Psychologen zum Psychotherapeuten großen Wert zu legen oder dass ein gewisser Prozentsatz der Psychologen bereits über eine Approbation verfügt. Die Ausbildungssituation für Psychotherapeuten wäre noch ein weiteres Thema, auf das an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden soll.

Die Fachkunde der Psychotherapeuten wird aber fast ausschließlich gesehen als ein Qualifikationsmerkmal von Diplom-Psychologen. Die Approbation und damit verbunden die Tatsache, dass approbierte Diplom-Psychologen als Psychotherapeuten einen eigenständigen Beruf mit eigener Zuständigkeit und Verantwortlichkeit darstellen, wird von den Klinikträgern nicht gesondert berücksichtigt. Sowohl bei den neu eingestellten wie auch bei den langjährig tätigen Kollegen und Kolleginnen wird nicht unterschieden, ob es sich um Diplom-Psychologen oder um Psychotherapeuten handelt. Eine Ausnahme stellt der Landschaftsverband Rheinland dar: hier kann im Dienstvertrag die Berufsbezeichnung Psychotherapeut bzw. Psychotherapeutin aufgeführt werden. Diese Regelung soll ausdrücklich nur bei Neueinstellungen gelten, hat darüber hinaus aber keine ersichtlichen Konsequenzen. Dies wird einer rechtlichen Überprüfung sicher nicht standhalten.

Auf der anderen Seite wird von Seiten der Krankenhausträger darauf hingewiesen, dass die Einstellung von Psychotherapeuten in den Kliniken nicht verpflichtend ist. Auch die sehr fortschrittlichen gesetzlichen Regelungen in NRW sind als eine "Kann-Bestimmung" zu verstehen: Kliniken können sich z.B. entscheiden, nur ärztliche Psychotherapeuten zu beschäftigen oder in den entsprechenden verantwortlichen Positionen vorzusehen. Und es sieht so aus, als hätten die Träger eine solche Entscheidung getroffen.

Über die Beweggründe einer solchen Entscheidung lässt sich derzeit nur spekulieren. Prof. Dr. Wolfersdorf als ärztlicher Leiter des Bezirkskrankenhauses Bayreuth antwortete im Rahmen unserer Anfrage, er halte es nicht für sinnvoll, in seinem Hause eine gesonderte Stellenbeschreibung für Psychologische Psychotherapeuten zu verfassen. In seiner Funktion als Leiter der Bundesdirektorenkonferenz psychiatrischer Krankenhäuser (BDK) weist er hin auf die sich im Bereich der ambulanten Psychotherapie abzeichnende "Konkurrenz" zwischen Psychologischen Psychotherapeuten, Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie und Fachärzten für Psychotherapeutische Medizin und bemerkt: "es wäre naiv, dies nicht anzunehmen". Man kann sicher hinzufügen: In den Kliniken zeigt man großes Interesse an qualifizierter psychotherapeutischer Arbeit, aber es wartet keiner auf die Psychologischen Psychotherapeuten und es wird kein ärztlicher Standesvertreter ohne Not seine eigene Verantwortung für die Behandlung auf einen Psychologischen Psychotherapeuten übertragen und damit Positionen räumen, die bisher nur ihm zustehen - auch wenn es vor Ort im konkreten Einzelfall anders aussehen mag.

Hier ist zu hoffen, dass die Kammern der sehr wichtigen Aufgabe gerecht werden, die Berufs- und Tätigkeitsmerkmale auch der angestellt tätigen Psychotherapeuten in einer Berufsordnung festzulegen, dass wir es als Psychotherapeuten schaffen, Qualitätsstandards in den Kliniken einzufordern und Bedingungen herzustellen, die es uns ermöglichen, unsere beruflichen Rechte einzuklagen.

Wir würden uns auf eine Reaktion von Ihnen freuen:

Hans-Werner Stecker
Mitglied im Vorstand des VPP

24.11.2002

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