Startseite

Service

Kontakt

Mitgliederservice

Honorarwiderspruch

VPP Newsletter

Fortbildungen

Praxisbörse für Mitglieder

Jobbörsen

Login für den Mitgliederbereich

 

Stellungnahme des VPP zu @deinTherapeut

Stellungnahme des Verbandes Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (VPP im BDP) zum Angebot @Gruppentherapie des Twitterusers @deinTherapeut.
UPDATE: Überarbeitete Fassung nach Gegendarstellung von @deinTherapeut und Besuch des Discord-Channels @Gruppentherapie

Das Angebot @Gruppentherapie des Twitter Users @deinTherapeut bezeichnet einen semi-öffentlichen Discord-Server (ähnlich einem Online-Forum) in dem Jugendliche und junge Erwachsene die Möglichkeit haben, sich zu verschiedenen Themen auszutauschen. Ein Fokus auf Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen Belastungen ist hierbei klar erkennbar. Das Angebot @Gruppentherapie ist zurzeit nicht mehr frei online zugänglich, sondern kann nur noch via Einladung betreten werden. Bei Teilen des Angebotes sind Parallelen zu verschiedenen Angeboten wie z.B. den subreddits /r/suicidewatch und /r/depression erkennbar.

Im Rahmen verschiedener Channels besteht für die Jugendlichen die Möglichkeit, sich mit anderen Jugendlichen zu Themen der eigenen psychischen Belastung auszutauschen. Die Jugendlichen können dabei Kontakt zu anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, den so genannten „Helferlein“, aufnehmen. Dieses wird von @deinTherapeut als eine Form der Peer-to-peer Beratung verstanden. @deinTherapeut gibt an, dabei nie selbst die Funktion eines Beraters zu übernehmen. Zusätzlich zu den Helferlein existieren „Moderatoren“, die für die Durchsetzung der Gruppenregeln zuständig sind.

Das Angebot der „@Gruppentherapie“ ähnelt in Teilen somit der Struktur einer virtuellen Selbsthilfegruppe1). Als solche kann es Jugendlichen die Möglichkeit der Entlastung, der Gruppenzugehörigkeit und der Normalisierung des eigenen Leidens bieten. Es existieren auch Gruppenregeln, die den Umgang mit belastendem Material wie z.B. Äußerungen zu Selbstverletzungen oder lebensmüden bzw. suizidalen Gedanken beinhalten2). Dies ist zu begrüßen. Es bleibt jedoch unklar, wie streng diese Regeln tatsächlich umgesetzt werden. Es bleibt auch unklar, inwiefern die „Helferlein“ sowie die Moderatorinnen und Moderatoren im Umgang mit belasteten Jugendlichen geschult wurden und auf den Umgang mit Krisensituationen vorbereitet wurden bzw. welche eigenen Unterstützungsstrukturen sie in Anspruch nehmen können. Da es sich bei den „Helferlein“ selbst um teilweise belastete Jugendliche und junge Erwachsene handelt, die im Rahmen des Servers mit kritischen und belastenden Inhalten in Kontakt kommen können, erscheint es absolut notwendig diese zu schützen. Eine Eignungsprüfung von „Helferlein“ und Moderatorinnen und Moderatoren, eine vorbereitende Schulung sowie eine professionelle supervisorische Unterstützung3) stellen aus unserer Sicht dabei die Mindestvoraussetzung dar. Dass dies nicht geschieht, gefährdet sowohl die Jugendlichen auf dem Server als auch die Moderatorinnen und Moderatoren sowie die „Helferlein“4).
Insbesondere zwei Channel sind in der Vergangenheit in die Kritik geraten.

Zum einem der Channel mit dem Namen „abkotzen“. Hier besteht für die Jugendlichen die Möglichkeit, negative Erlebniszustände öffentlich zu kommunizieren. Die Jugendlichen nutzen diesen Channel, um über negative Lebensereignisse zu berichten. In der Vergangenheit sind aber auch dem Wunsch nach Selbstverletzung sowie lebensmüden oder suizidalen Gedanken Ausdruck verliehen worden. Auch in weiteren Channeln ist das Gespräch über belastende Inhalte möglich. Obgleich der Austausch über die eigenen Probleme normalisierend und für die Jugendlichen entlastend wirken kann, besteht gleichermaßen die Gefahr, dass die Beschreibung von selbstverletzendem oder suizidalem Verhalten für andere Jugendliche triggernd und im schlimmsten Fall eigenes selbstverletzendes Verhalten auslösen kann. Hierbei begrüßen wir die neuen Gruppenregeln als einen Fortschritt, halten sie jedoch nicht für ausreichend, um im Falle tatsächlicher Krisen wirklich einen effektiven Schutz der Betroffenen zu ermöglichen. Insbesondere, da durch die Freiwilligenstruktur keine dauerhafte Betreuung der einzelnen Channel möglich ist. So entstehen insbesondere in der späten Nacht sowie am frühen Morgen Phasen, in denen nicht auf die Betroffenen reagiert werden kann.

Ein weiterer Kritikpunkt stellt die „nsfw“- Kategorie des Servers dar. In ihr bestand für Jugendliche und junge Erwachsene die Möglichkeit, erotische oder pornografische Darstellungen zu teilen. Obgleich die Jugendlichen angeblich dazu angehalten waren nicht eigene Bilder zu teilen und eine Altersabfrage erfolgte, bestand jedoch zu befürchten, dass eine Einhaltung dieser Regeln nicht sicher gewährleistet werden konnte und somit die Gefahr bestand, dass Minderjährige in den Kontakt mit nichtjugendfreien Darstellungen kommen konnten. Dies ist aus Gründen des Jugendschutzes klar zu kritisieren. Aus einer psychologischen Perspektive ist zudem auf das Missbrauchs- und Abhängigkeitspotential erotischer bzw. pornografischer Darstellungen zu verweisen. Die direkte Koppelung von belastenden Inhalten und erotischen Darstellungen kann hierbei hoch dysfunktional wirken. Zusätzlich besteht auch hier die Gefahr, dass solche Inhalte für Opfer sexueller Gewalt oder für Menschen mit sexuell selbstschädigendem Verhalten triggernd wirken. Eine klare Trennung zwischen Selbsthilfeangeboten und Orten zur Verbreitung sexueller Darstellungen erscheint uns absolut notwendig. Zurzeit ist der „nsfw“ Channel nicht zugänglich. Dies begrüßen wir ausdrücklich! Wir betonen jedoch mit aller Deutlichkeit, dass wir auch bei einer Beseitigung der jugendschutzrechtlichen Herausforderungen die Präsenz einer „nsfw“ Kategorie in Kombination mit Unterstützungsangeboten für absolut unangemessen halten.
Obgleich in den Gruppenregeln des Servers darauf hingewiesen wird, dass es sich um kein professionelles Angebot handelt und „Helferlein“ angehalten sind, Ratsuchende in Krisensituationen an professionelle Beratungsangebote weiterzuleiten, muss jedoch davon ausgegangen werden, dass durch den Namen der Servers sowie der ambivalenten Bewerbung für vulnerable Jugendliche eine Verwechslungsgefahr mit professionellen Angeboten bzw. Selbsthilfegruppen nicht ausgeschlossen werden kann. Zumal insbesondere eine Trennung zwischen Ratsuchenden und der Online-Community von @deinTherapeut nicht gewährleistet werden kann. Was zu einer deutlichen und kritischen Rollendiffusion führen kann.

@deinTherapeut hat nach eigenen Angaben einen Bachelor-Abschluss in Psychologie. Dieser ist unserer Auffassung nicht ausreichend, um ein solches Angebot professionell zu betreuen. Obgleich das Angebot sicherlich gut gemeint ist, muss es jedoch als klar unzureichend und für belastete Jugendliche potentiell schädlich kritisiert werden, zumal durch die semi-Öffentlichkeit des Servers eine Datensicherheit sowie eine Verschwiegenheit nicht gewährleistet werden kann.
Wir als VPP raten belasteten Jugendlichen, die auf der Suche nach niederschwelligen psychosozialen online Angeboten sind, daher klar von @Gruppentherapie ab und empfehlen eher Angebote wie das Onlineangebot der Telefonseelsorge. Eine Übersicht über die Vielzahl von Beratungs- und Unterstützungsangeboten, die von Jugendlichen genutzt werden können, finden Sie unter folgenden Link: www.psychotherapiesuche.de/pid/links

Als Faustregel für die Suche nach unterstützenden Angeboten sollte stets darauf geachtet werden, ob das Angebot von einem seriösen Anbieter kommt und vor allem, ob die Kompetenzen der Verantwortlichen sowie Regelungen und Ansprechpartnerinnen/Ansprechpartner für den Notfall (z.B. suizidale Krisen) klar kommuniziert werden.
Um es Anwenderinnen und Anwendern leichter zu machen, zwischen seriösen und weniger seriösen Online-Angeboten zu unterscheiden, hat der BDP seit 2001 einen Qualitätszeichen für Online-Beraterinnen und -berater (https://www.bdp-verband.de/profession/zertifizierungen/zertifikat-online-beratung.html). Ein weiteres Gütesiegel für „Geprüfte Psychologische Online Interventionen“ ist in Vorbereitung. Ab dem kommenden Jahr soll es möglich sein, dass Anbieterinnen und Anbieter sowohl ihre Online-Beratungs- als auch ihre Online-Interventionsangebote zertifizieren lassen.

1) Obgleich @deinTherapeut den Selbsthilfegruppenbegriff klar ablehnt, sind die strukturellen parallelen offensichtlich. So wird bereits bei den Gruppenregeln betont, dass dieser Server „Menschen (mit psychischen Herausforderungen“ „das Kennenlernen und Austauschen“ ermögliche. Zusätzlich wird zumindest auf der Autorenseite von @deinTherapeut das Angebot eindeutig als Selbsthilfegruppe bezeichnet.
2) Verschiedene Regeln wurden am 09.12.2018 (vermutlich in Folge unserer Stellungnahme) weiter verschärft
3) @deinTherapeut gibt an, dass sich die „Helferlein“ über einen eigenen Chat-Kanal selbst unterstützen und supervidieren können. Dies halten wir für unzureichend.
4) So werden Helferlein beispielweise in Therapieentscheidungen sowie den Umgang mit der eigenen Krankheit eingebunden.

Gegendarstellung von Herrn Wolf

4.12.2018

IMPRESSUM | DATENSCHUTZ